Stefan's Weblog

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Eine kleine Geschichte aus dem Versicherungsalltag

Der folgende Brief eines Dachdeckers ist an eine Versicherungsgesellschaft gerichtet und beschreibt die Folgen einer unueberlegten Handlung:

In Beantwortung Ihrer Bitte um zusaetzliche Informationen moechte ich Ihnen folgendes mitteilen: Bei Frage 3 des Unfallberichtes habe ich „ungeplantes Handeln“ als Ursache meines Unfalls angegeben. Sie baten mich dies genauer zu beschreiben, was ich hiermit tun moechte.

Ich bin von Beruf Dachdecker. Am Tag des Unfalles arbeitete ich allein auf dem Dach eines sechsstoeckigen Neubaus. Als ich mit meiner Arbeit fertig war, hatte ich etwa 250kg Ziegel uebrig. Da ich sie nicht die Treppe hinunter tragen wollte, entschied ich mich dafuer, sie in einer Tonne an der Aussenseite des Gebaeudes hinunterzulassen, die an einem Seil befestigt war, das ueber eine Rolle lief.

Ich band also das Seil unten auf der Erde fest, ging auf das Dach und belud die Tonne. Dann ging ich wieder nach unten und band das Seil los. Ich hielt es fest, um die 250kg Ziegel langsam herunterzulassen. Wenn Sie in Frage 11 des Unfallbericht-Formulars nachlesen, werden Sie feststellen, dass mein damaliges Koerpergewicht etwa 75kg betrug. Da ich sehr ueberrascht war, als ich ploetzlich den Boden unter den Fuessen verlor und aufwaerts gezogen wurde, verlor ich meine Geistesgegenwart und vergass das Seil loszulassen. Ich glaube ich muss hier nicht sagen, dass ich mit immer groesserer Geschwindigkeit am Gebaeude hinauf gezogen wurde.

Etwa im Bereich des dritten Stockes traf ich die Tonne, die von oben kam. Dies erklaert den Schaedelbruch und das gebrochene Schluesselbein. Nur geringfuegig abgebremst setzte ich meinen Aufstieg fort und hielt nicht an, bevor die Finger meiner Hand mit den vorderen Fingergliedern in die Rolle gequetscht waren. Gluecklicherweise behielt ich meine Geistesgegenwart und hielt mich trotz des Schmerzes mit aller Kraft am Seil fest. Jedoch schlug die Tonne etwa zur gleichen Zeit unten auf dem Boden auf und der Boden sprang aus der Tonne heraus. Ohne das Gewicht der Ziegel wog die Tonne nun etwa 25kg. Ich beziehe mich an dieser Stelle wieder auf mein in Frage 11 angegebenes Koerpergewicht von 75kg. Wie Sie sich vorstellen koenen, begann ich nun einen schnellen Abstieg. In der Haelfte des dritten Stockes traf ich wieder auf die von unten kommende Tonne. Daraus ergaben sich die beiden gebrochenen Knoechel und die Abschuerfungen an meinen Beinen und meinem Unterleib. Der Zusammenstoss mit der Tonne verzoegerte meinen Fall, so dass meine Verletzungen beim Aufprall auf dem Ziegelhaufen gering ausfielen und so brach ich mir nur drei Wirbel.

Ich bedaure es jedoch, Ihnen mitteilen zu muessen, dass ich, als ich da auf dem Ziegelhaufen lag und die leere Tonne sechs Stockwerke ueber mir sah, nochmals meine Geistesgegenwart verlor! Ich liess das Seil los…………………….

Mit freundlichen Grüßen

Copyright © 2019 by: Stefan Goßner • Design by: Stefan Goßner • Foto: Stefan Goßner (Katmai, Alaska, 2001)