Stefan's Weblog

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Die Sache mit dem Huhn

Irgendwann im Leben einer Frau kommt der Zeitpunkt, an dem sie erwachsen werden muß. Bei manchen ist das die Geburt ihres ersten Kindes, bei anderen die Scheidung oder der Tod eines Elternteiles. Ich bin letztes Wochenende erwachsen geworden, bei der Zubereitung eines Gerichtes namens Coronation Chicken.

Das Rezept begann mit den Worten: „Man nehme ein großes gekochtes Huhn“
Wie vielen sicherlich bekannt ist, gibt es im Supermarkt keine gekochten Hühner. Sicherheitshalber schaute ich trotzdem nach, aber ohne Erfolg.

Entschlossenen Schrittes näherte ich mich also der Tiefkühltruhe und war wenige Minuten später stolze und rechtmäßige Besitzerin eines stahlhart gefrorenen Geflügelkörpers in einer hygienischen Plastikhülle.

Als zu Hause alle anderen Einkäufe sicher verstaut waren, wendete ich meine volle Aufmerksamkeit dieser Erwerbung zu. Das Huhn sollte nun also gekocht werden. Mir war schon einmal klar, daß ich die Verpackung entfernen mußte und daß ich einen ziemlich großen Topf benötigen würde. Damit endeten meine Erfahrungen mit der Zubereitung von Hühnern, die nicht in Scheiben geschnitten oder als goldbraune Paniermehl-Kreationen vorliegen. Sollte ich aber das Wasser erst zum Kochen bringen? Mußte es gesalzen werden oder mußten gar noch weitere Hilfsmittel eingesetzt werden? Würde es dem Huhn schaden, senkrecht stehend in den Spargeltopf gepackt zu werden? Ist ein Huhn, genau wie ein Ei, mit dem es ja eng verwandt ist, in 5 Minuten gar? Ich bin der Meinung, daß man, wenn man vor einer derart verfahrenen Situation steht, durchaus das Recht hat, seine Mutter anzurufen. Auch wenn man 32 Jahre alt ist.

Meine Mutter riet mir, zunächst die Verpackung zu entfernen. Das tat ich und sah mich unversehens mit einer nackten, eiskalten Geflügelleiche konfrontiert. Egal, wie herum ich das Huhn drehte, es sah in Rücken- wie in Bauchlage gleichermaßen tot aus. Durch die Berührung mit der Haut des Kadavers bildete sich bald auch auf meinen Armen eine Gänsehaut, die der auf den Hähnchenschlegeln erschreckend ähnelte. Mit gesträubten Haaren und schreckgeweiteten Augen verließ ich die Küche und überließ das Huhn seinem Schicksal, das zunächst darin bestand, aufzutauen.

Einige Zeit später hörte ich aus der Küche einen Schreckensschrei. Mein Mann war nach Hause gekommen und stand nun mit der Wasserflasche in der Hand vor dem Kühlschrank. Ich folgte seinem starren Blick und sah das unselige Tier in einer blutigen Pfütze auf dem Teller liegen. Ich fing die Flasche gerade noch auf und versuchte eine Erklärung. Mein Mann erwies sich jedoch als erschreckend unkooperativ. „Ist mir egal, was daraus wird. Das“ und er zeigte auf das tote Huhn „esse ich nicht, egal was du drüberschüttest“ Ehrlich gesagt, konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt auch nicht vorstellen, etwas von dem Vogel in den Mund zu stecken. Es wurde abend, das Huhn war so gut wie aufgetaut, aber ich wollte den Rest des Abenteuers lieber auf den nächsten Morgen verschieben. Daher stellte ich den Teller mit dem Körper in den Kühlschrank, wo es in Gesellschaft anderer weniger grauenerregender Lebensmittel die Nacht verbringen sollte. Mein Mann entdeckte es dort und meinte verunsichert „Meinst du, das ist so ok?“ Ich zuckte die Schultern. „Es wird schon nicht an deinen Nußjoghurt gehen.“ Mein Mann stellte seinen Joghurt trotzdem in ein anderes Fach. „Sicher ist sicher!“.

Am nächsten Morgen steckte ich das Huhn aufrecht stehend in den Spargeltopf. Das war der einzige Topf, in den es hineinpaßte, ohne neckisch über den Rand zu lugen. Ich bedeckte es mit Wasser und gab reichlich Salz dazu. Das Huhn tauchte immer wieder auf. Da mir aber nichts bekannt war, daß man Hühner zum Kochen mit Bleigewichten beschwerte, kam ich zu dem Schluß, daß es so in Ordnung sein müßte. Nach einer halben Ewigkeit, begann das Wasser zu kochen und ein ziemlich leckerer Geruch zog durch unsere Wohnung. Selbst mein Mann begann das Huhn plötzlich mit ganz anderen Augen zu sehen. Nach den Angaben meiner Mutter betrug die Zeit, bis so ein Tier durch ist genau „bis es eben gut ist, das merkt man dann“.

Ich saß im Wohnzimmer, eine dreiviertel Stunde war um, ich merkte gar nichts. Daher ging ich in die Küche, und stach mit einer Gabel an vielen Stellen in das Huhn. Es fühlte sich jetzt nicht mehr wie ein rohes, sondern wie ein gekochtes Huhn an. Sicherheitshalber ließ ich es noch eine Weile weiterköcheln. Nach etwa einer Stunde wollte ich es nun herausholen. Ich packte es an einem Bein, zog kräftig und hatte plötzlich die Hühnerkeule in der Hand, während der Rest des Huhnes spritzend in die Brühe zurückplatschte. Ich schloß die Augen, atmete tief durch, griff mir ein paar Werkzeuge und hievte das verstümmelte Viech aus dem Topf. Eine Stunde im kochenden Wasser hatten nichts an seiner Gänsehaut geändert. Und genau die sollte ich, laut meiner Mutter, noch im heißen Zustand entfernen. Ich nahm ein scharfes Messer und ging ans Werk. Ich fühlte mich wie Jack the Ripper. Nur daß Jack the Ripper sicher nicht ständig autsch brüllte, weil er sich an seinen Opfern die Finger verbrannte. Mein Mann näherte sich uns, dem Huhn und mir, von hinten. Mit einer Mischung aus Grauen und Lust, mit der manche Leute Verkehrsunfälle begaffen, schaute er mir über die Schulter. „Huuuuu“ sagte er und schüttelte sich. Er konnte aber die Augen nicht von der mittlerweile gehäuteten Hühnerleiche wenden. Ich wedelte mit einem Stück der schwabbeligen Haut vor seinem Gesicht herum, so daß er fluchtartig den Ort des Geschehens verließ. Leider mußte ich ihm aber ganz und gar zustimmen. „Huuuuu“ war wirklich treffend. Mit diesem Wort warf ich die Haut in den Mülleimer und ließ das Tier zum Abkühlen alleine.

Das Schlimmste stand aber meiner Meinung nach noch bevor: Das Zerfleddern des Huhnes in mundgerechte Häppchen. Und so suchte ich Ablenkung vor dem Fernseher. Als ich gerade ganz vertieft in eine dieser wirklich anspruchsvollen Talkshows auf der Couch saß, und zuhörte, wie Mütter und Töchter darüber diskutierten ob man mit 12 schon die Pille bräuchte, kam mein Mann aus der Küche. Er kaute! „Schmeckt gar nicht so übel“ sagte er. „Was schmeckt nicht übel?“ Ich dachte, er macht Witze und stürzte in die Küche. Das Huhn war auf den Rücken gedreht worden und in seiner Brust klaffte ein Loch. Schon griff mein Mann wieder zu seinem Tatwerkzeug, einer gewöhnlichen Gabel. Er wollte sich erneut an dem gehäuteten Geflügelkadaver zu schaffen machen. Mir sträubten sich die Nackenhaare. „Igitt, du Ungeheuer, wie kannst du das nur essen?“ Mein Mann zuckte nur die Schultern. „Schließlich willst du das heute abend unseren Gästen vorsetzen. Die sollen es ja auch essen.“

Seine Argumentation war nicht völlig von der Hand zu weisen. Vielleicht würde es unseren Gästen auffallen, wenn ich selbst den Salat nicht anrührte. Ich kniff also die Augen fest zu und nahm den dargebotenen Happen von der Gabel. „Hmmmmmm“ Tatsächlich, es schmeckte ziemlich gut.

Ich vergaß die keifenden Teenager und ihre Mütter, die im Fernsehen mittlerweile im Stadium des gegenseitigen Anspuckens angelangt waren und machte mich daran, das Hühnerfleisch abzupräparieren. Nach einer Weile ließ ich mein Operationsbesteck fallen und ging mit bloßen Händen zu Werke. Am Rumpf hatte das Tier jetzt eine ziemlich angenehme Temperatur. Die Füße waren jedoch schon ziemlich kalt.

Bald häufte sich auf einem Teller appetitliches weißes Fleisch. Das Huhn, das gestern noch so adrett in der Tiefkühltruhe gelegen hatte, sah jedoch immer desolater aus. Um die leckeren Häppchen vor den gierigen Attacken meines Mannes zu schützen, stellte ich ihm eine Frage, die ihm den Appetit verderben sollte. „Erinnerst du dich noch an die Ausstellung ‚Körperwelten‘ mit den präparierten Leichen?“ Doch bei dem Menschen, der mir das Jawort auf Lebenszeit gegeben hatte, hatte inzwischen die blanke Gier über jede ästhetische Grundhaltung gesiegt. Er warf einen abschätzenden Blick auf den Teller mit dem Skelett und meinte.

„Stimmt, sieht so ähnlich aus.“ Mit diesen Worten verschwand das nächste Stück Huhn in seinem Mund. Ich mußte wohl deutlicher werden. „Ich wette, die Präparatoren haben nicht ständig genascht.“ Die Kiefer meines Mannes erstarrten. „Du Ekel!“ Meine zugegebenermaßen etwas brutale Strategie hatte gewirkt. Das Hühnerfleisch war immerhin solange sicher, bis ich meinen Salat fertig hatte. Als ich meine verfressenere Hälfte später bat, den Müll wegzubringen, überlegte er noch, ob wir das Gerippe nicht in der Mitte des Eßtisches aufbauen sollten. Er wäre auch bereit, jedem, der Fragen zur Anatomie des Huhnes hätte, Rede und Antwort zu stehen. Wir einigten uns dann aber doch darauf, das Beinahe-Kunstwerk fachgerecht zu entsorgen. Der Geflügelsalat mit dem wunderschönen Namen Coronation Chicken war der Hit des Abends. Die Schüssel leerte sich in rasender Geschwindigkeit, sehr zum Leidwesen meines Mannes. Als sich einer unserer Freunde der fast leeren Schüssel mit ziemlich eindeutigen Absichten näherte, fragte mein Angetrauter ihn plötzlich: „Erinnerst du dich noch an diese Ausstellung in Mannheim, wo wir zusammen die Leichen angeguckt haben?“

Unser Bekannter blieb etwas verwirrt stehen. Ich stieg dem Mann, mit dem ich Tisch und Bett teile, mit dem Absatz meines hochhackigen Schuhes auf die Zehen. Er sog zischend die Luft ein. „Ja ich erinnere mich. Ziemlich schaurige Angelegenheit, aber sehr interessant. Was ist damit?“ Unser Freund kratzte den letzten Rest des Geflügelsalates aus der Schüssel auf seinen Teller. „Genial, das Zeug. Ich muß das Rezept haben.“ Dann wendete er sich wieder meinem Mann zu, der plötzlich sehr unglücklich wirkte. „Was wolltest du gerade sagen, wegen der Ausstellung in Mannheim?“

Copyright © 2019 by: Stefan Goßner • Design by: Stefan Goßner • Foto: Stefan Goßner (Katmai, Alaska, 2001)