Stefan's Weblog

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Mäuseschubser und Legastheniker

Diese Kolumne erschien Anfang der 90er in der PC-Professional, und befasst sich mit DOS-Usern und deren Meinung zu Windows-Usern.

Die Veteranen treffen sich jedes Wochenende in einer verlassenen Schreibmaschinenfabrik. Abenteuerliche Gestalten, wie man sie früher in jedem größeren Büro finden konnte. Männer, die noch wissen, wie ein DOS-Prompt aussieht und die stolz darauf sind. Hartgesottene Poweruser, deren größtes Glück darin besteht, ihre mit selbstgestrickten Batchprogrammen liebevoll ausstaffierten DOS-Kisten („Hobel“,“Composter“) ohne Menüprogramme, Online-Hilfen oder Benutzeroberflächen zu „fahren“. Ja, sie gehören eigentlich nicht mehr in diese unsere Zeit, sie sind Überbleibsel aus einer Epoche, in der man noch richtig schreiben können mußte, um einen Computer zu bedienen. Saurier, die nicht akzeptieren wollen, daß die neuen Herren des PC’s die Einsteiger sind, die nur noch mit dem Mauszeiger auf Symbole zeigen und klicken können. „Legastheniker“ oder „Mäuseschubser“ nennt man die neue Generation der PC-Anwender hier verächtlich.

Auf den Rücken der ausgefransten, ärmellosen C&A-Sakkos prangen die Clubabzeichen. Man trifft hier die gefürchteten „DOS’s Angels“ oder die berüchtigten „Mean Satanic DOS Devils“. Auf vielen Unterarmen sieht man Tätowierungen, wie das traditionelle „C:>“ umrahmt von dem Schriftzug: „If it ain’t the prompt, it ain’t shit.“

Die Gespräche drehen sich natürlich nur um ein Thema. „Mein Boß hat uns gesacht, daß nu Schluß is mit ohne Maus. Weil man da nicht produktiv genuch is! Muß dir ma reintun, Alter, ich soll wie’n Analphabet mittem Fummel (dem Mauszeiger, der Autor) inne Kästchen rumkariolen. Un ich sach noch: Boß, dat geht ins Auge, spätestens nach einem Jahr weiß keiner mehr Bescheid hier.“

„Genau! Kenn ich! Weil die Tussen (Kolleginnen, der Autor) nich ma mehr dir schreiben können, muß ich jetzt auf jedem Composter die Legastheniker-Hilfe (die DOS-Shell, der Autor) installieren, wenn da nich sowieso der Micky-Maus-Commander (Windows, der Autor) drauf is.“ „Wenn ich meine Alte mit dem Norton Commander erwische, bau ich ihr ’ne CGA-Karte in ihren PS/2!“ Man ist sich einige, daß früher, als Computer und ihre Software anscheinend noch nicht ausschließlich die ungeschmälerte Lebensfreude von blutigen Anfängern zum Ziel hatten, alles besser war.

Ja, auch ich bin einer von ihnen. Gott, bin ich froh, daß es raus ist. Ich hab’s lange vor der Öffentlichkeit geheimhalten können. Auf meinem Büro-PC hab ich dort, wo andere die Boß-Taste haben, einen Besucher-Hotkey. Wenn jemand reinkommt, kann ich mit einem Tastendruck einen täuschend echt aussehenden DOS-Shell-Bildschirm oder eine Norton-Commander-Imitation auf den Monitor zaubern. Schließlich möchte man ja nicht als fortschrittsfeindlich gelten, schon gar nicht bei den Kollegen von Microsoft. Aber wenn ich allein bin, bewege ich mich völlig ungeniert mit dem archaischen „cd“ von einem Verzeichnis zum anderen und rufe Programme auf, indem ich einfach ihren Namen eintippe und die Enter-Taste drücke. Es ist wirklich ganz einfach, man muß nur wissen, wie das Programm heißt (und wie man es schreibt).

Bei unseren Einsteigern aber macht sich allmählich der Aberglaube breit, Programm seinen geheimnisvolle Geister, die in kleinen Totems wohnen und durch zweimaliges Berühren mit dem Mausfetisch gerufen werden. Wo ein Programm auf der Festplatte gespeichert ist, wieviel Platz es dort benötigt, welche Dateien es umfaßt und im Laufe seines Lebens anlegt, das erfährt unser wohlbehüteter, oberflächlich grafischer Otto Normaluser nicht mehr. Muß er schließlich auch nur wissen, wenn ihm mal die Festplatte abstürzt. Aber das kommt in der Praxis ja kaum vor.

Ich finde ja auch, daß Windows schöner ist als MS-DOS, ja sogar der DOS-Shell ist schöner als DOS. Und schließlich ist in unserer hektischen Zeit alles schnell genug, da muß sich nicht auch noch meine Software durch übertriebene Eile hervortun. Aber zum kopieren von Dateien, zum schnellen wechseln von Verzeichnissen und anderen exotischen Aufgaben im Arbeitsalltag eines Computeranwenders taugen weder Shell noch Dateimanager. Auf einer gut strukturierten Festplatte taugt dazu nicht mal der Norton Commander. Bis ich mit dem Mauszeiger oder einem anderen Hilfsmittel für Schreib-Lese-Schwache in mein Zielverzeichnis herutergefummelt habe, hab ich mit der guten alten Schreibmaschinentastatur eine halbe PC-Professionell-Kolumne getippt.

Was ist eigentlich so schrecklich an der DOS-Ebene, daß anscheinend schon ihr bloßer Anblick geeignet ist, Marketingleiter und PC-Anwender kreischend aus dem Büro zu jagen? Könnte es vielleicht sein, daß hinter dem ganzen Icon-Voodoo wieder die alte Computerpriesterkaste steckt? Möchte man vielleicht verhindern, daß jeder dahergelaufene Anfänger weiß, wie ein Computer funktioniert. Ach was, das würden die doch nie tun. Oder?

Ralph Möller
PC-Professional

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