Dienstag, 13. Oktober 1998
Mein Sprung ist für 9:10 vorgesehen. Ich stehe also kurz vor 8:00 Uhr auf. Auch Karsten ist schon wach. Er verschwindet kurz (wie ich annehme auf die Toilette) und als er zurückkommt winkt er mit der Quittung für einen Bungee-Jump. Er will mir also doch nicht den Ruhm alleine gönnen. Seine Begründung, warum er doch noch eine Sprung gebucht hat, ist dann auch recht amüsant: Er will sich nicht den Rest der Reise jeden Tag von mir anhören müssen, wie toll der Sprung gewesen sei und was er versäumt hätte. Da wählt er das kleinere(?) Übel und springt selber!

Karsten und ich machen uns um 8:30 auf den Weg zur Brücke. Die Mädels wollen kurz vor unserem Sprung nachkommen. Diesmal habe auch ich meinen Ausweis dabei und wir betreten das Niemandsland zwischen Zimbabwe und Zambia: Die Brücke. Wir haben dafür ein spezielles "Bungee-Visum" erhalten. Diese berechtigt uns, Zimbabwe nach dem Sprung wieder zu betreten (falls wir den Sprung überleben sollten). Als wir auf der Brücke sind und nach unten blicken bin ich mir nicht mehr sicher, daß das mit dem Bungee-Sprung eine gute Idee war: 111 Meter tief sollen wir hier springen! Normalerweise bin ich ja schwindelfrei, aber bei dem Gedanken hier in die Tiefe zu springen wird mir doch ganz anders...

In der Mitte der Brücke sehen wir die Sprungplattform: Außerhalb des Brückengeländers gelegen und ohne Geländer steht die Plattform, von der sich die "Todeskandidaten" in die Tiefe stürzen sollen.

Zunächst müssen wir die Brücke überqueren und auf der zambesischen Seite unser "Testament" unterschreiben. Es ist ziemlich genau derselbe Text wie beim Rafting. Auch hier sprechen wir die Gesellschaft von jeder Verantwortung bei unserem eventuellen Tod frei. Ab jetzt werden wir unser Geld nicht wieder bekommen, auch wenn wir an der Edge, wie der Absprungpunkt genannt wird, entscheiden sollten, nicht zu springen.

Anschließend werden wir gewogen, damit die Seillänge dann auch stimmt.
Nach ein paar Minuten warten - bei dem wir Videos von anderen Springern ansehen können - ist es so weit: wir werden zum Absprungpunkt in der Mitte der Brücke geschickt. Dort erwarten uns schon Moni und Simone. Moni hat sich bereit erklärt Fotos von diesem Event zu machen.


Anlegen des Klettergeschirrs

Ich bin der zweite Springer an diesem Tag. Vor laufender Kamera - ein Filmteam hält diesen historischen Augenblick fest - muß ich zunächst ein Klettergeschirr anlegen, wie es beim Abseilen in den Bergen üblich ist. Dieses ist nötig, um mich nach dem Sprung wieder nach oben auf die Brücke zu holen. Danach muß ich mich auf einen Stuhl sitzen und einer vom Bungeeteam wickelt zwei Frotteetücher um beide Beine. Dieses soll meine Beine davor bewahren durch das Bungeeseil abgeschnürt zu werden. Außen herum wird dann eine Schlinge mit Karabinerhaken gelegt, in das kurz vor dem Sprung das Bungeeseil gelegt wird.

Während dieser ganzen Aktion bekomme ich genau erklärt, was ich während des Sprunges zu machen habe. Nebenbei stellt mir der Kameramann noch Fragen - alles natürlich auf Englisch. Ich verschlinge jede Information über das was ich während des Sprunges tun soll geradezu, um nur ja keine lebenswichtige Information zu verpassen: Mein Betreuer wird mich bis an die Edge begleiten. Dann wird er im Sekundentakt von 5 herabzählen und anschließend das Kommando "Bungee" geben. Dann soll ich mich kraftvoll nach vorne abdrücken und die Arme seitlich ausstrecken und die Brust herausstrecken. So ist sichergestellt, daß ich unterwegs nicht am Brückengestell aufschlage und eine optimale "Fluglage" erreiche.

Für mich hört sich das alles gar nicht mehr toll an. Moni sagt ab und zu etwas zu mir, aber ich nehme den Inhalt nicht wahr, so aufgeregt bin ich.

Und dann bin ich auch schon dran. Viel zu schnell wie ich meine. Das Bungeeseil wird in den Karabiner eingehängt und gesichert. Anschließend muß ich mit zusammengebundenen Beinen durch das Brückengeländer klettern und mich Zentimeter für Zentimeter bis an die Edge vortasten. Nur hinter mir am Brückengeländer habe ich noch halt. Doch den muß ich nun loslassen. Ein Blick nach links werde ich aufgefordert, für die Fotographen. Tapfer lächle ich in deren Richtung. Nun ein Blick nach rechts für die Kamera. Auch diesen Blick riskiere ich. Zuvor hatte ich mir geschworen auf keinen Fall nach unten zu blicken um es mir nicht noch schwerer zu machen, aber mein Blick ist wie angeklebt auf die tiefe Schlucht unter mir gerichtet. Ob ich bereit bin werde ich gefragt. Entgegen meiner Überzeugung antworte ich mit "Ja".


"Five, Four, Three, Two, One, Bungee..." und los geht's

Five, Four, Three, Two, One, Bungee. Viel zu schnell zählt mein Betreuer das Kommando für den Sprung herunter. Aber da war schon das Bungee-Kommando. Automatisch ohne nachzudenken drücke ich mich nach vorne weg. Ich spüre wie ich den Boden unter den Füßen verliere und zu fallen beginne. Es ist ein grauenvolles Gefühl: ohne Halt zwischen Himmel und Erde scheine ich zunächst still zu stehen, bevor ich mich immer schneller dem Grund der Schlucht nähere.


von nun an geht's bergab...

Mein Körper schüttet Unmengen Adrenalin in meinen Blutkreislauf aus und bereits nach einer Sekunde ist das beklemmende Angstgefühl wie weggeblasen und ich genieße das immer schneller werdende vorbeirauschen der Luft an meinem Gesicht. Ich hoffe, daß es nie wieder aufhört - offensichtlich bin ich im Adrenalinrausch. Viel zu schnell (nach ca. 3,5 Sekunde freiem Fall) greift das Bungeeseil und bremst den rasenden Sturz ab. Ich schwinge unter der Brücke hindurch und schon kommt der erste Rebound: Der Aufschwung - das Bungeeseil ist ja flexibel wie Gummi. Ich falle erneut, bevor das Bungeeseil wieder greift und schwinge wieder unter der Brücke hindurch. Der nächste Rebound. Die Spannung in mir löse ich gewaltsam, indem ich meine Begeisterung mit einem lauten Schrei hinausbrülle.


"Rebound"

Nun schwinge ich noch mehrmals unter der Brücke hin und her. Ich blicke am Bungeeseil nach oben und sehe, wie ein Mann langsam zu mir herabgelassen wird. Als er auf meiner Höhe ist versucht er mich einzufangen. Da ich aber immer noch unter der Brücke hin und herpendle und dabei mehrere Meter Ausschlag habe gelingt es ihm zunächst nicht. Inzwischen spüre ich meine Knie, die vom ungewohnten Gewicht meines Körpers auseinandergezogen werden. Meine Oberschenkelmuskeln beginnen automatisch zu verkrampfen, um diesen Effekt auszugleichen und ich warte sehnsüchtig darauf, endlich eingefangen zu werden. Schließlich gelingt es dem Mann meinen rechten Arm zu packe und zieht mich zu sich heran. Nun befestigt er ein Seil im zuerst angelegten Klettergurt und ich werde daran hinaufgezogen. Dabei erhalte ich dann auch endlich die aufrechte Lage zurück und meine Knie werden entlastet.


Rücktransport auf die Brücke

Endlich erreiche ich das untere Ende des Brückenaufbaus und werde von zwei Männern unter die Brücke gezogen. Ich kann kaum stehen, so zittern meine Knie, von der Aufregung und von der Belastung. Ein anderes Sicherungsseil wird in mein Klettergeschirr eingehängt. Erst danach wir das Seil, mit dem ich auf die Brücke gezogen worden bin ausgehängt. Damit ist sichergestellt, daß ich nicht in dem kurzen Augenblick des Umhängens abstürzen kann. Ich gehe auf einem Wartungsgang unter der Brücke hindurch auf die andere Seite. Noch mehrfach wird mein Sicherungsseil in gewohnter Manier umgehängt, bis ich endlich wieder oben auf der Brücke stehe.

Dazwischen habe ich kurz Pause gemacht, um Karsten bei seinem Sprung zusehen zu können. Auch er läßt sich nicht lumpen und läßt sich beim Kommando "Bungee" nach vorne fallen und verschwindet in der Tiefe, wohin ich von meinem Standort nicht sehen kann.

Oben werde ich schon von einem Trupp Japaner empfangen, die meinen Sprung beobachtet haben und die mich nun wie das achte Weltwunder ansehen und - natürlich - fotografieren. Immer noch mit einer großen Portion Knieschwammerl gehe ich zurück zum Absprungpunkt, wo Simone und Moni auf uns warten.

Mittags gehen wir bei Wendy's zum Essen und gegen 15 Uhr sind wir dann endlich fertig zur Abfahrt. Eigentlich hatten wir geplant, gleich nach dem Frühstück zu fahren, aber durch unseren außerplanmäßigen Bungee-Sprung hat sich die Abfahrt nun etwas verzögert. Nach längerer Diskussion entscheiden wir uns schließlich im letzten Moment für eine Routenänderung: mangels Zeit fahren wir statt nördlich über Lake Kariba südlich durch den Hwange Nationalpark.

Zur Abwechslung fährt mal wieder Simone, obwohl es im Hwange N.P. mehr Elefanten geben soll, als im Chobe. Wir checken im Robin's Camp ein und machen uns noch auf einen abendlichen Gamedrive in Richtung Windmill Drive, einem künstlichen Wasserloch ca. eine Stunde entfernt. Es wird etwas hektisch, da die Parkregeln vorschreiben, daß wir unbedingt bis Sonnenuntergang im Camp zurück sein müssen. Es gelingt uns mit Mühe und Not. Überhaupt sind die Nationalparks in Zimbabwe strenger reglementiert als in Botswana: Alle Camps sind umzäunt und fest angelegt. Die Parkwächter sind außerdem schwer bewaffnet. Mir persönlich haben die rustikalen Camps in Botswana mit ihrer urtümlichen Freiheit besser gefallen, aber die Mädels fühlen sich hier sicherer.