Freitag, 9. Oktober 1998
Am nächsten Morgen erzählt mir Simone, daß sie nachts aufgewacht sei und gedacht habe ein Einbrecher hätte sich am Wagen zu schaffen gemacht. Sie hat wohl gehört, wie ich umgezogen bin...

Bereits kurz nach Sonnenaufgang brechen wir auf, da wir - aufgrund der erzwungenen Verkürzung - weniger Zeit als gedacht im Moremi Nationalpark haben und ihn bereits heute wieder verlassen müssen.
Unterwegs kommen wir an durch Elefanten geschädigten Waldstücken vorbei. Wir verstehen nun besser, warum in Botswana und Zimbabwe "Culling" betrieben wird.

Elefanten besitzen ein sehr großes Zerstörungspotential und sie sind in der Lage große Waldstücke innerhalb kürzester Zeit zu zerstören. Früher wurde das dadurch ausgeglichen, daß die Elefanten im Laufe des Jahres weite Strecken zurückgelegt haben und die Natur immer wieder die Gelegenheit hatte sich zu erholen. Da der Lebensraum der Elefanten heute durch den Menschen immer stärker eingeengt wird ist dieses natürlich Gleichgewicht gestört. Die Elefantenpopulationen in Botswana und Zimbabwe sind heute fünf mal so groß wie es die Länder verkraften können. Der Mensch ist daher dazu gezwungen regelnd einzugreifen und gezielt Elefanten abzuschießen (culling). Ohne diese Eingriffe würden die Elefanten in den Nationalparks nicht mehr ausreichend Nahrung finden und würden - was auch so bereits immer häufiger vorkommt - aus den Parks ausbrechen und in benachbartes Kulturland einfallen.

II. Elefantenattacke

Heute will Simone das Feeling des Allrad-Fahrens erleben, womit sie sich gegen ihre eigenen Bedenken wegen der Elefanten vom Vortag durchsetzt. Wir fahren durch einen Herbstwald, der durchaus irgendwo in Europa stehen könnte. Während wir noch fasziniert die herbstartige Landschaft beobachten und durch eine kurvige hohle Gasse fahren, steigt Simone plötzlich heftig in die Bremsen: nur 50 Meter vor uns ist ein Elefant und kommt direkt auf uns zu. Es ist offensichtlich, daß er keine die Straße als seinen privaten Besitz ansieht und entsprechend fordernd kommt er auf uns zu. Simone gerät sofort in Panik. Sie reißt den Rückwärtsgang hinein und gibt Vollgas. Leider ist der Gang nicht drinnen und der Motor heult laut auf. Gegen dieses Geräusch scheint der Elefant etwas zu haben, denn er beschleunigt seien Schritt nun. Dabei wirbelt er mit dem Rüssel Sand auf um Eindruck zu schinden, was die Wirkung auf Simone nicht verfehlt. Simone schaffte es nun doch den Gang einzulegen und fährt - ohne die Augen auch nur einen Augenblick von dem Elefanten zu nehmen - Vollgas Rückwärts. Es kommt wie es kommen muß, wir knallen voll rückwärts gegen einen Baum. Die Atmosphäre im Auto ist nun geladen. Simone ist nun endgültig nicht mehr ansprechbar und wir spüren auch schon die Panik aufsteigen - weniger wegen dem Elefanten als wegen Simones Zustand. Simone legt den Vorwärtsgang ein und gibt wieder Vollgas und rast seitlich die Böschung hinauf. Der Wagen ist nahe daran umzukippen, da sie die steile Böschung sehr schräg nimmt, aber wir haben Glück und der Wagen gewinnt im letzten Augenblick das Gleichgewicht wieder und rutscht noch ein Stück weit in die Botanik. Allerdings ist bei dieser Aktion der Motor abgestorben. Simone sitzt hyperventilierend mit panisch geöffneten Augen am Steuer. Als der Elefant auf unserer Höhe ist, bleibt er einen Moment stehen und dreht uns seinen Kopf zu. Offensichtlich findet er es aber nicht der Mühe Wert uns zu verfolgen und trottete gemächlich auf der Straße weiter. Er hatte uns ja auch deutlich demonstriert, wer der Herr der Straße ist.

Dieser nette Kamerad hat uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt...

Simone sitzt der Schrecken so in den Gliedern, daß sie ihren Tränen nun freien Lauf läßt. Moni versucht sie zu trösten, obwohl ihr ebenfalls der Schrecken anzusehen ist. Karsten und ich waren uns aber einig, daß Simones Fahrstil gefährlicher gewesen war als der Elefant. Wir einigten uns einstimmig darauf, daß Simone in den Nationalparks nicht mehr ans Steuer geht, sondern nur noch auf Teerstraßen außerhalb und nur, wenn wir 100% sicher sind, daß keine Elefanten auftauchen können. Simone hat durch dieses Abenteuer einen unglaublichen Spürsinn für Elefanten entwickelt: im weiteren Verlauf der Reise entdeckte sie jeden Elefanten als erster auch wenn dieser noch mehrere Kilometer entfernt war. Ihr "Achtung Elefant" war uns schon bald sehr geläufig.

Wir legen die restliche Strecke bis zum North Gate zurück und verlassen gegen Mittag den Park. Leider haben wir gerade von den Tieren, für die der Park berühmt ist gar nichts mitbekommen: Löwen. Am Gate erzählen wir unsere Story von der Panne und müssen einen Tag nachzahlen. Probleme bekommen wir keine. Unser Lampenfieber bei der Anfahrt des Tores war also überflüssig. Der Parkwächter an diesem Gate ist - im Gegensatz zu dem am South Gate - sehr freundlich.

Direkt am North Gate überqueren wir die längste Brücke.

Wir fahren jetzt in Richtung Chobe Nationalpark los. Allerdings müssen wir sehr langsam und vorsichtig fahren, da ein heftiger Sandsturm das auffinden der Piste zu einem Lotteriespiel macht. Schließlich frühstücken wir am Ufer des River Kwai (nein nicht der aus dem Film), obwohl der Sandsturm noch nicht ganz vorbei ist.

Beim beladen des Fahrzeugs stelle ich fest, daß unsere Colavorräte bereits fast vollständig zur Neige gegangen sind. Ein Blick in die Karte zeigt ein kleines Dorf, nur wenig abseits unserer Route, in dem ich hoffe unsere Vorräte auffüllen zu können. Nach kurzer Diskussion gelingt es mir die anderen zu überzeugen die 12 km Umweg zu fahren und wir ändern unsere Route in Richtung Mababe Village. Wenn ich allerdings gewußt hätte, was uns auf diesem kurzen Umweg für eine Strecke erwartet, dann hätte ich diesen Vorschlag nie gemacht: Eine endlose von riesigen Schlaglöchern durchsetzte Sandpiste, scheinbar eine einzige riesige Sanddüne. Für diesen kurzen Umweg benötigen wir eineinhalb Stunden und nicht unwesentlich viel Benzin...!


Mababe Village - hier wollen wir unsere Getränkevorräte aufstocken

Als wir in Mababe Village eintreffen, gebe ich schon beinahe die Hoffnung auf hier unsere Getränkevorräte aufstocken zu können: das Dorf besteht aus drei Duzend Lehmhütten! Ich steige aus und erkundige mich beim ersten besten Eingeborenen, ob hier ein Getränke-Shop gibt und entgegen meiner Erwartungen schickt er uns zu einer bestimmten Lehmhütte im Zentrum der Ansiedlung. Ich klopfe an die Tür der Hütte und trete ein: In der Hütte steht ein großes Bett mit einem Stoffüberwurf, auf dem sich verschiedene Geldscheine und Münzen stapeln. In der Mitte der Hütte stehen zwei 6-Packs übereinander mit einer kleine Holzplatte drauf. Diese Konstruktion scheint als Tisch zu dienen und in der gegenüberliegenden Ecke entdecke ich eine gasbetriebene Kühltruhe! Auf dem Bett sitzt eine ältere Frau, die mich nach meinen Wünschen fragt. Ich sage "Coca Cola?" und die Frau öffnet die Kühltruhe und holt mehrere Six-Packs Coca Cola heraus. Moni, Simone und Karsten staunen nicht schlecht, als ich schließlich dick bepackt mit Colabüchsen den "Shop" verlasse.

Kurz vor Savuti fällt Moni ein, daß wir im Kühlschrank noch Äpfel haben. Da es wegen der Elefanten verboten ist frisches Obst nach Savuti zu bringen, halten wir an um die Früchte aus dem Kühlschrank zu holen und aufzuessen. (Elefanten riechen diese Früchte auf Meilen und brechen oft Autos auf, in denen solche Früchte gelagert sind. Obwohl ich bezweifle, daß Gerüche aus unserem Kühlschrank dringen ist uns das zu unsicher.) Dabei stellen wir fest, daß die Colabüchsen, die ich ungeschickterweise auf die übrigen Vorräte gestellt habe, durch die Schotterstraße ungünstig auf unsere übrigen Vorräte eingewirkt haben: die Eier waren zu Bruch gegangen und haben sich mit ausgelaufenen Säften zu einer ungenehm anzusehenden Masse verbunden. Verständlicherweise darf ich mir nun einen saftigen Anschiß für meine Gedankenlosigkeit anhören und wir beginnen damit den Kühlschrank zu säubern. Die meisten Vorräte müssen wir wegschmeißen. Nachdem wir größere Mengen Spülmittel im Kühlschrank zu verteilen - nur so waren die Mädchen überzeugt, daß nun keine Elefanten mehr auf den Geruch ansprechen werden - können wir bis Savuti weiterfahren.

Im Camp treffen wir die Südtiroler wieder und tauschen unsere Abenteuer aus. Wie sich herausstellt mußten sie in Moremi eine geschlagene Stunde warten, weil ein Elefant die Straße blockierte. Laut Beschreibung der Örtlichkeiten kann es sich dabei nur um "unseren" Elefanten handeln. Da sie sich ruhig verhielten, schenkte ihnen der Bulle nicht die gleiche Aufmerksamkeit wie kurz zuvor uns.

Savuti liegt im Chobe-Nationalpark und ist berüchtigt für seine äußerst aggressiven Elefanten. Die sanitären Einrichtungen sind mehrfach von den Elefanten niedergerissen worden, nur damit diese sich am Wasser aus den herausgerissenen Wasserleitungen gütlich tun konnten. Selbst Elektrozäune nutzen nichts. Irgendwann hatte die Parkverwaltung genug von den vielen Wiederaufbauarbeiten und Savuti wurde vorübergehend geschlossen. Anschließend wurde außerhalb des Camps ein künstliches Wasserloch gebaut um die Elefanten dorthin zu locken und im Camp wurden Plumpsklos ohne fließend Wasser eingebaut. Die einzige nun vorhandene Wasserstelle im Camp besteht aus einem zementierten Sockel, der von den Elefanten nicht herausgerissen werden kann. Der Wasserhahn ist nur erreichbar, wenn man durch eine enge Öffnung greift. Ein Elefantenrüssel kommt da nicht hinein. Das Wasser kann mit Schläuchen, die leicht abgehen abgenommen werden. Vom Erfolg dieser Anstrengungen können wir uns wenig später überzeugen...

Da wir ziemlich verschwitzt sind, gehen Simone und Moni schnurstracks zur öffentlichen Wasserstelle, während wir noch unseren Wagen ausräumen. Sie ziehen sich bis auf die Unterwäsche aus, um sich nach Elefantenmanier mit dem Schlauch zu abzuspritzen. Kurze Zeit später stoßen die beiden wieder zu uns und gehen mit frisch erwachten Lebensgeistern daran uns beim Entladen des Wagens zu helfen. Sie schnappt sich einen Beutel mit Schmutzwäsche, um diese an der Wasserstelle zu waschen. Plötzlich blickt Moni, einer Eingebung folgend, auf und sieht ihre schwersten Alpträume wahr werden: ca. 15 Meter entfernt eilt ein Elefant im zügigen Laufschritt heran. Moni reagiert blitzschnell und spurtet hinter das Auto in Deckung und warnt uns mit einem leisen (um den Elefanten nicht auf sich aufmerksam zu machen) "Achtung Elefant". Wir können sie allerdings nicht verstehen, da wir auf der anderen Seite des Wagen sind. Der Elefant trabt an unserem Fahrzeug vorbei und gerät ins Stocken, als er sich überraschend Karsten und mir Auge in Auge gegenübersieht. Dann aber setzt er sich wieder Richtung Wasserstelle in Bewegung. Wir haben uns inzwischen ganz still verhalten und nicht von der Stelle gerührt.

Da fährt uns nun aber erst Recht der Schreck in die Glieder: An der Wasserstelle ist ja Simone und öffnet gerade den Wasserhahn um die Kleider zu waschen! Wir folgen daher dem Elefanten und können beobachten, daß Simone den Elefanten noch rechtzeitig bemerkt und hinter einem Plumpsklo in Deckung geht.




Der Elefant blockiert die Wasserversorgung des Camps

Als der Elefant den Betonsockel erreicht tastet er ihn mit dem Rüssel liebkosend ab auf der Suche nach der kostbaren Nässe, an welche er aber nicht herankommen kann. Er bewirft sich mit den nassen Erdklumpen, die die Mädels durch ihre ausgiebige Dusche produziert hat. Da geht uns ein Licht auf: Elefanten haben ja bekanntlich einen ausgezeichneten Geruchssinn (der Grund warum Obst nicht erlaubt ist) und da hat er das Wasser von Simones und Monis Dusche gerochen! Undenkbar, welch komisches Bild das abgegeben hätte, wenn er die beiden halb nackt beim Duschen erwischt hätte. Da er nicht an das Wasser herankam wurde der "Beinahe-Spanner" sehr ungeduldig: er wackelte heftig mit den Ohren und mit einem Trompetenkonzert reißt er den Gartenschlauch aus dem Sockel raus. In den muß er sich regelrecht verguckt haben, denn er hält ihn noch ne ganze Weile mit dem Rüssel fest. Währenddessen machte Simone interessante Turnübungen, um festzustellen, ob der Elefant noch an der Wasserstelle befindet. Das sieht sehr ulkig aus, da sie sich weiter von dem Elefanten entfernt befindet als wir!

Moni geht zurück zum Wagen, da sie in der Eile die Kamera vergessen hatte und informierte die Südtiroler von unserem Besucher. Die haben von dem Trubel nichts mitbekommen, obwohl ihr Wagen nur 30 Meter von unserem entfernt steht. Inzwischen war schon das halbe Camp zusammengelaufen um unseren Gast zu beobachten.
Dieser weicht nun seinerseits den ganzen Nachmittag nicht mehr von der Stelle und bewacht seinen Betonsockel eifersüchtig. Dadurch können wir unsere Wasservorräte nicht wie geplant auffüllen. Als die Lichtverhältnisse die Landschaft rötlich einfärben, gehen wir auf einen Game Drive.

Unterwegs kommen wir an einen Hügel, auf dem Rock Paintings zu sehen sein sollen. Wir umfahren den Hügel mehrfach, ohne ein Spur entdecken zu können. Simone und Karsten beschließen den Hügel zu überqueren um oben nach den Rock Paintings zu suchen. Moni und ich fahren auf die andere Seite um auf Karsten zu warten. Unterwegs begegnen wir einer anderen Gruppe, die genauer weiß, wo die Rock Paintings sind. Moni und ich folgen ihren Anweisungen und finden die Paintings. Sie sind aber so unscheinbar, daß wir nur deshalb ein Foto davon machen, weil wir so lange danach gesucht haben. Als wir anschließend weiter zur anderen Seite des Hügels fahren um die beiden Wanderer zu aufzugabeln kommt uns mal wieder ein Elefant entgegen. Wir bleiben stehen und warten bis der Elefant an uns vorbeimarschiert ist ... und sind froh, daß Simone nicht bei uns im Auto sitzt. Sie wäre vor Angst bestimmt ohnmächtig geworden.
Wenige Minuten später laden wir die beiden wieder ein. Sie haben den Elefanten vom Gipfel des Hügels gesehen und abgewartet, bis er außer Sicht ist, bevor sie mit dem Abstieg begannen.


Simone beim Holzsammeln vor einem Baobab

Durch den Game Drive verpassen wir den größten Nervenkitzel. Während unserer Abwesenheit befindet ein äußerst intelligenter schweizer Tourist, daß er - Elefant hin oder her - seine Wasserflaschen auffüllen muß. Er nähert sich dem Ziel erfolgreich bis auf ganze zwei Meter. Als er noch näher hin gehen will wird es dem Elefant zu viel und er schlägt den Schweizer mit dem Rüssel nieder, stellt sich über ihn und trompetet wild. Der Schweizer verhält sich zum Glück nun Mucksmäuschen still und stellt sich tot. Der Elefant tippt ihn mehrfach mit dem Fuß an. Er ist sehr aufgebracht und trompetet ohrenwackelnd laut herum. Zum Glück eilen andere beherzte Leute herbei wären um den Elefanten durch lautes Geschrei von seinem Opfer abzulenken. So zieht sich der Elefant schließlich zurück und der Schweizer kann sich in Sicherheit bringen.

Als die Parkverwaltung am Abend davon hört, schicken sie einen großen Traktor zu der Wasserstelle um den Elefanten zu vertreiben. Damit preschen sie auf den Elefanten, der immer noch die Zapfstelle verteidigt, los. Nachdem sie ihn mehrfach mit dem Traktor gerammt haben, ergreift der Elefant die Flucht und galoppiert trompetend in den Sonnenuntergang hinein, verfolgt von dem Traktor. Ein göttliches Bild!
Allerdings ist die Wirkung relativ gering: Nur eine Stunde später ist der Elefant wieder da...

Die Südtiroler haben inzwischen ihren Wagen umgeparkt und stehen nun direkt neben uns. Mit Hilfe angrenzender Büsche schaffen wir uns eine richtige Wagenburg, so daß wir uns schon fast wie in einem Wildwestfilm fühlen. Wir errichten gemeinsam ein Lagerfeuer, welches aber die benachbarte Hyäne nicht davon abhält im Feuerschein auf und ab zu patrouillieren.

Später wird der Elefant wieder aktiv und beschnuppert den Wagen eines anderen Touristen. Dieser schaltet den Motor und das Licht an und vertreibt den Elefanten so.